Zur Sicherung des weltweiten „Zugangs zu Ressourcen“ müsse der militärisch-industrielle Komplex massiv ausgeweitet werden.

Der britische Autor Nafeez Ahmed beschäftigt sich mit einer neuen Pentagon-Studie, in der untersucht wird, wie die Vormachtstellung der USA in einer wankenden Weltordnung erhalten werden könnte.

Im ersten Artikel dieser Serie berichten wir über erstaunliche Beweise für den bevorstehenden Zusammenbruch der US-Vorherrschaft und den drohenden Zerfall der nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA errichteten Weltordnung, die das US-Verteidigungsministerium in einer Studie zusammentragen ließ.

Die Vorstellungen des Pentagon, wie diese Entwicklung verhindert werden könnte, sind wenig vertrauenerweckend. Wir untersuchen zunächst sowohl die Ergebnisse als auch die Fehleinschätzungen der Pentagon-Studie. In weiteren Artikeln werden wir uns mit folgenden Fragen beschäftigen: Was sind die eigentlichen Gründe für den Untergang des US-Imperiums? Wie könnten nach dieser exakten Diagnose die zu erwartenden Probleme tatsächlich gelöst werden?

Eine außergewöhnliche, neue Pentagon-Studie mit dem Titel „At Our Own Peril: DOD-Risk Assessment in a Post Primacy World“ („Die uns drohende Gefahr: Risikoeinschätzung des Verteidigungsministeriums für eine Welt ohne US-Vorrangstellung“) ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete, von den USA dominierte Weltordnung „zerfallen“ und sogar „zusammenbrechen“ könnte, wodurch die USA ihre globale „Vorrangstellung“ verlieren würden.

Die zur Erhaltung der „US-Vorrangstellung“ vorgeschlagene Lösung bringt nichts Neues: Empfohlen werden noch mehr Überwachung, noch mehr Propaganda durch die „strategische Manipulation von Wahrnehmungen“ und eine nochmals ausgeweitete militärische Expansionspolitik.

In dem Dokument wird festgestellt, dass die Welt in eine völlig neue Phase der Transformation eingetreten ist, in der die Macht der USA schwindet, die Weltordnung zerfällt und die Autorität der Regierungen überall zerbröckelt.

Die USA hätten ihre bisherige „Vorrangstellung“ verloren und müssten sich jetzt in einer unsicher gewordenen Welt, die durch den „Widerstand gegen jede Art von Autorität“ geprägt sei, neu behaupten.

Gefahr gehe nicht nur von rivalisierenden Großmächten wie Russland und China aus, die beide eine wachsende Bedrohung für die Durchsetzung von US-Interessen darstellten, sondern auch von Aufständen in der Art des „Arabischen Frühlings“. Diese könnten in absehbarer Zukunft nicht nur im Mittleren Osten, sondern überall auf der Welt ausbrechen und das Vertrauen in amtierende Regierungen untergraben.

Die Studie beruht auf einem jahrelangen intensiven Forschungsprozess, in den wichtige Pentagon-Abteilungen und die U.S. Army einbezogen waren; die US-Regierung wird darin aufgefordert, ihre Überwachungsprogramme auszuweiten, ihre Propaganda durch eine „strategische Manipulation der öffentlichen Meinung“ zu intensivieren und mehr Geld in die US-Streitkräfte zu investieren, um ihre Flexibilität zu erhöhen.

Sie wurde im Juni vom Institut für Strategische Studien des U.S. Army War College veröffentlicht und nimmt eine Einschätzung künftiger Risiken vor, die auf allen Planungsebenen des Pentagon zu berücksichtigen sind. Die Studie wurde unterstützt und finanziert von der Abteilung Strategische Planungen und Politik / J 5 der U.S. Army, von der Abteilung J 5 des US-Generalstabes, vom Büro des Pentagon-Staatsekretärs für Strategie und Entwicklung der Streitkräfte und vom Management-Büro des Army Study Program‘.

Drohender Kollaps

„Die USA bleiben zwar ein global agierender, politischer, wirtschaftlicher und militärischer Riese, ihre Position ist für Mitbewerber aber nicht mehr unangreifbar“, wird in der Studie beklagt:

„Kurz gesagt, der bisher bestehende Zustand, den US-Strategen nach dem Zweiten Weltkrieg herbeigeführt und seither erhalten haben und der jahrzehntelang „tonangebend“ für das Pentagon war, droht nicht nur zu ‚zerfallen‘, es könnte auch zum ‚Kollaps‘ kommen.“

Die Studie beschreibt im Wesentlichen den imperialen Charakter der bisherigen Weltordnung, die durch die Überlegenheit der von ihren Verbündeten unterstützten USA geprägt ist, die anderen Staaten die zur Durchsetzung der US-Interessen notwendigen Bedingungen „diktieren“ können:

„Diese Ordnung und ihre konstituierenden Teile haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet; sie wurden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in ein unipolares System umgewandelt und werden seither von den USA und ihren asiatischen und westlichen Verbündeten dominiert. Bisher konnten die USA mit Unterstützung ihrer Verbündeten die Bedingungen zur Erhaltung der internationalen Sicherheit diktieren und die Entstehung rivalisierender Machtzentren verhindern.“

Aber das Zeitalter, in dem die USA mit Hilfe ihrer Verbündeten durchsetzen konnten, was immer sie wollten, ist nun vorbei. Die US-Regierung möchte natürlich ihre globale Führungsposition erhalten. Nach Erkenntnissen der Studie ist „die seit sieben Jahrzehnten nach US-Regeln funktionierende Weltordnung aber ins Wanken geraten“.

Die Studie zeigt sehr detailliert auf, wie das Pentagon deren Zerfall verschlafen hat und von globalen Veränderungen überrascht wurde. Sie warnt davor, „dass globale Entwicklungen derzeit vom Pentagon nicht rechtzeitig wahrgenommen werden, und dass die unangreifbare Position der Überlegenheit, welche die USA bis 20 Jahre nach dem Untergang der Sowjetunion halten konnten“, deshalb gefährdet ist.

Die USA seien schon so geschwächt, dass sie kaum noch in der Lage seien, bei lokalen Konflikten automatisch mit militärischer Überlegenheit zu reagieren.

Nach Feststellungen des U.S. Army War College hat aber nicht nur die Macht der USA stark abgenommen:

„Alle Staaten und traditionellen politischen Machtstrukturen stehen unter zunehmendem Druck endogener (innerstaatlicher), und exogener (von außen einwirkender) Kräfte. … Der Zerfall der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Weltordnung wird (in vielen Ländern) vom Zerfall der politischen, sozialen und wirtschaftlichen innerstaatlichen Ordnung begleitet.“

Die Verfasser sehen ihre Studie nicht als Dokument der Entmutigung, sondern als „Weckruf“ an. Wenn nicht umgehend gegengesteuert werde, bestehe die Gefahr, dass die gegenwärtige Strategie des Pentagon und die bereits geplanten Veränderungen von aktuellen Entwicklungen überholt und entwertet werden könnten.

Die Verteidigung des „Status quo“

An der Spitze der Liste der Kräfte, welche die Vereinigten Staaten aus ihrer „globalen Vorrangstellung“ verdrängt haben, stehen nach der Studie nicht nur konkurrierende Großmächte wie Russland und China, sondern auch kleinere Mitspieler wie der Iran und Nordkorea.

Diese kleineren Mitspieler werden nicht wegen ihrer militärischen Stärke als Bedrohung für die Sicherheit der USA angesehen, sondern weil sie sich in Verfolgung eigener legitimer Interessen den dominanten USA widersetzen.

Russland und China werden als „revisionistische Mächte“ beschrieben, die von der US-dominierten Weltordnung profitiert haben, es nun aber wagen, eine Neuaufteilung der Macht zu fordern und als legitime Rivalen die Vorherrschaft der USA infrage stellen. Nach Meinung der Analysten legen es Russland und China bewusst darauf an, den USA die Grenzen ihrer Macht, ihres Einflusses und ihres Durchsetzungsvermögens aufzuzeigen.

Voraussetzung für diese Einschätzung ist, dass der „Status quo“, das heißt die gegenwärtige Weltordnung, erhalten werden muss, weil sie „vorteilhaft“ für die Wahrung der Interessen der USA und ihrer Verbündeten ist. Jeder Versuch, die Weltordnung so zu ändern, dass auch andere Staaten „Vorteile“ daraus ziehen könnten, wird automatisch als Bedrohung für die Vormachtstellung der USA und die Durchsetzung von US-Interessen angesehen.

Wenn sich Russland und China darum bemühen, „ihre Position beim gegenwärtigen Status quo auch nur minimal auszubauen, um ihre Ziele besser verfolgen zu können“, ist das eigentlich verständlich. Für die Autoren der Studie „geht aber jeder noch so kleine Vorteil für andere Staaten zu Lasten der USA und ihrer asiatischen und westlichen Verbündeten“.

Es fällt auf, dass in der Studie kaum Konkretes über die angeblich von Russland und China ausgehende Bedrohung für die Sicherheit der USA ausgesagt wird.

Beiden Staaten wird der Hauptvorwurf gemacht, dass sie „den gegenwärtigen Status quo durch den Einsatz von „Grauzonen-Techniken“ verändern wollen, „die nahe an die Provokation von Konflikten heranreichen“.

Diese „versteckte staatliche Aggression“ (gegnerischer Mächte), die ohne jegliche Gewaltanwendung stattfindet, wird in der Studie verurteilt; dann geben deren Autoren aber sofort ihren hohen moralischen Anspruch auf, weil sie der US-Regierung empfehlen, selbst Grauzonen-Techniken anzuwenden, um ihren Einfluss zu sichern.

Die Studie enthüllt auch die wahren Gründe dafür, dass die US-Regierung „revolutionäre Mächte“ wie den Iran und Nordkorea als Feinde betrachtet: Diesie stellen wesentliche Hindernisse für die Ausweitung des imperialen Einflusses der USA in bestimmten Weltregionen dar, denn sie

„… unterwerfen sich weder der gegenwärtigen Weltordnung, noch erkennen sie diese Ordnung an. … Sie maßen sich sogar an, den Einfluss der USA in ihren eigenen Einflussbereichen einzudämmen, und wollen ihn dort durch eigene Regeln ersetzen.“

Die Autoren der Studie werfen dem Iran und Nordkorea – im Gegensatz zur US-Regierung – weder das Streben nach noch den Besitz von Atomwaffen und die davon ausgehende atomare Bedrohung vor. Sie betrachten beide Staaten nur als „Hindernisse bei der Durchsetzung der von den USA dominierten Weltordnung“.

Der Propaganda-Krieg dürfe nicht verloren werden

In der Pentagon-Studie wird betont, dass es neben der Herausforderung durch konkurrierende Mächte auch noch die Bedrohung durch nichtstaatliche Kräfte gibt, welche die von den USA dominierte Weltordnung auf andere Weise und zwar vor allem durch Gegeninformation untergraben.

Die „weltweite Vernetzung und der Einsatz von Nachrichten als Waffe zur Desinformation und Stimmungsmache“ ermöglicht nach Meinung der Autoren der Studie die unkontrollierte Verbreitung von Informationen. Das führe dazu, dass „die vom Pentagon gewünschte Geheimhaltung und operative Sicherheit nicht mehr gewährleistet“ sei:

„Der weitgehend unkontrollierte Zugang zu neuer Technologie, die selbstverständlich auch genutzt wird, macht es unmöglich, heikle, geheime oder verdeckte Absichten, Aktionen oder Operationen unentdeckt zu verfolgen und durchzuführen. … Die Militärführung muss sich darauf einstellen, dass alle mit der Verteidigung zusammenhängenden Aktivitäten – von kleineren taktischen Maßnahmen bis zu größeren Truppenbewegungen – künftig sofort bekannt werden.“

Diese nicht mehr einzudämmende Informationsflut bewirke einen „umfassenden Zerfall traditioneller Autoritätsstrukturen, … und die weltweite Vernetzung fördere und beschleunige den offensichtlichen Niedergang der nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Weltordnung.“

Zivile Unruhen

Die Studie hebt auch die Bedeutung von Gruppierungen wie dem ISIS und der Al-Qaida hervor; ihr Eingreifen habe zum Beispiel im Arabischen Frühling „führerlose Instabilität und eine umfassende Erosion oder sogar Auflösung traditioneller Autoritätsstrukturen bewirkt“.

Das Dokument deutet an, dass solche populistischen zivilen Unruhen auch in westlichen Staaten und sogar in den USA selbst ausbrechen könnten.

„Bisher haben sich die US-Strategen nur auf diese, im Mittleren Osten zu beobachtende Entwicklung konzentriert. Ähnlich destruktive Kräfte versuchen aber weltweit, die Autorität von Regierungen zu zersetzen. … Deshalb wäre es töricht, nicht zu erkennen, dass sie sich ständig verändern, Metastasen bilden und in ganz unterschiedlichen Formen auftreten.“

Die USA selbst werden als besonders anfällig für Angriffe auf „traditionelle Autoritätsstrukturen“ angesehen:

„Die Sicherheit der USA und ihrer Bevölkerung wird zunehmend von vernetzten Einzelpersonen und kleinen Gruppen motivierter Akteure bedroht, die unter Ausnutzung vorhandener Ängste und der bereits bestehenden größeren Beeinflussbarkeit Verwirrung stiften und Verunsicherung säen und das Zusammenleben erschweren. Diese sehr desorientierende Form von physischem und über das Internet verbreitetem psychologischem Widerstand gegen die Autorität des Staates kann schnell und unerwartet tiefgreifende negative Auswirkungen haben.“

In der Studie wird allerdings nicht untersucht, wie die Politik der US-Regierung zur Entstehung der weit verbreiteten Verunsicherung in der US-Bevölkerung beigetragen hat.

Beunruhigende Fakten

Nach der Studie gehören verschiedene Kategorien von „Fakten“ zu den gefährlichsten Auslösern von Unruhen und Destabilisierungstendenzen; neben offensichtlichen „Gerüchten, die nicht auf Fakten beruhen“ und nur die „objektive Wahrheit“ verdrängen sollen, könnten auch „zutreffende Fakten“ den globalen Ruf der USA schädigen.

Informationen über „ungünstige Fakten“ – zum Beispiel Enthüllungen über korrupte oder unfähige Politiker und undemokratische Verhaltensweisen – „könnten die Autorität der Regierung schwächen und das Verhältnis zwischen der Regierung und den Regierten belasten“.

Informationen über „gefährliche Fakten“ – die Enthüllung von Staatsgeheimnissen durch Whistleblower wie Edward Snowden oder Bradley Manning – „könnten sehr nachteilige taktische, operative oder strategische Folgen haben“.

Informationen über „vergiftete Fakten“ – die aus dem Zusammenhang gerissen wurden – „könnten wichtige politische Gespräche vergiften“.

Informationen über solche Fakten gehören nach der Studie zu den gefährlichsten Auslösern ziviler Unruhen, weil

„sie grundlegende nationale Sicherheitsinteressen auf internationaler, nationaler, regionaler oder persönlicher Ebene gefährden. Besonders ‚vergiftete Fakten‘ können wie Viren oder Bakterien den Zusammenhalt der eigenen Bevölkerung oder die Beziehungen zwischen Völkern stören“.

Kurz gesagt, die Autoren der Studie des U.S. Army War College glauben, dass vor allem die „Verbreitung von Fakten“ die Existenz des US-Imperiums gefährdet und seinen Niedergang beschleunigt und nicht sein reales Verhalten, dass durch diese Fakten belegt wird.

Massenüberwachung und psychologische Kriegsführung

Die Pentagon-Studie empfiehlt deshalb zwei Maßnahmen zu Abwehr der von Informationen ausgehenden Bedrohung.

Zunächst soll die US-Regierung ihre geheimdienstlichen Fähigkeiten zur massenhaften Überwachung, die als „die am weitesten reichenden und am besten entwickelten der Welt anzusehen sind, effektiver nutzen“. Weil sich die USA „besser und schneller als ihre Konkurrenten Erkenntnisse aus Überwachungsmaßnahmen verschaffen können, sollten sie das auch tun“. Zusätzlich gestützt auf ihre „weit vorgeschobene Militärpräsenz und ihre militärische Überlegenheit“, befänden sich die USA in „einer beneidenswerten Position der Stärke“.

Ein Problem wird vor allem darin gesehen, dass die USA keinen vollen Gebrauch von ihrer verfügbaren Stärke machen:

„Diese Stärke ist jedoch nur dann etwas wert, wenn die USA auch dazu bereit sind, sie zu ihrem Vorteil zu nutzen. Wenn die US-Streitkräfte zeigen, dass sie bereit sind, zu führen, werden ihnen andere folgen.“

In der Studie wird kritisiert, dass sich die USA zu sehr darauf konzentrierten, ausländische Bemühungen zur Lahmlegung der US-Geheimdienste abzuwehren, anstatt ihrerseits „ihren geheimdienstlichen Apparat zur strategischen Manipulation von Wahrnehmungen und zur Beeinflussung sicherheitsrelevanter Entscheidungen zu nutzen“.

Das Pentagon müsse einfach hinnehmen,

„dass es auch Versuche gibt, einzelne US-Bürger und die öffentliche Meinung in den USA von außen zu beeinflussen.“

Militärische Überlegenheit

Nach Ansicht der Autoren der Studie kann der Verlust der Vorrangstellung der USA nur durch eine weitere Verstärkung der US-Streitkräfte rückgängig gemacht werden.

Dass die beiden großen Parteien überlegene US-Streitkräfte wollen, genügt den Autoren nicht. Die Studie fordert den Aufbau einer US-Militärmacht, die „maximale Handlungsfreiheit“ ermöglicht und „jedem Gegner die Bedingungen zur Beendigung eines Konfliktes diktieren kann“.

Klarer als nachfolgend kann man die von der U.S. Army verfolgten imperialen Absichten kaum formulieren:

„Unabhängig davon, dass es den Führungen der beiden großen politischen Parteien der USA genügt, wenn die US-Streitkräfte den Streitkräften potenzieller Gegner überlegen sind, brauchen wir nach dem Verlust unserer Vorrangstellung flexiblere Streitkräfte, die für alle denkbaren militärischen Aufgaben gerüstet sind. Sie müssen der politischen Führung der USA uneingeschränkte Handlungsfreiheit garantieren können. … Die US-Entscheidungsträger müssen in der Lage sein, die Bedingungen zur Lösung internationaler Konflikte zu diktieren und sie mit militärischen Mitteln durchzusetzen, falls sie vom Gegner nicht akzeptiert werden.“

Militärische Macht wird damit zum wichtigsten Werkzeug der US-Regierung, wenn sanfter Druck oder offene Drohungen nicht ausreichen, um US-Interessen gegen andere Staaten durchzusetzen.

Es geht also überhaupt nicht um „Verteidigung“, sondern nur um den Einsatz weit überlegener Militärmacht zur gewaltsamen Durchsetzung von US-Interessen – was bei Widerstand nur durch einen „Angriff“ möglich ist.

Das Imperium des Kapitals

Dementsprechend ist ein Hauptziel der militärischen US-Expansion „die Sicherung des uneingeschränkten Zugangs der USA und ihrer internationalen Partner zum Luftraum, zu allen Meeren, zum Weltraum, zum Internet und zu allen elektronischen Kommunikationsmitteln, weil nur dadurch die Sicherheit und der Wohlstand der USA garantiert werden können“.

Das bedeutet auch, dass die USA die Möglichkeit behalten müssen, auf jede Region der Welt zugreifen zu können, wann immer sie es wollen:

„Wenn den USA der Zutritt zu Schlüsselregionen der Welt verwehrt oder ihr Agieren darin eingeschränkt wird, untergräbt das sowohl die Sicherheit der USA als auch die ihrer Verbündeten.“

Die USA müssten deshalb bestrebt sein, jeder „vorsätzlichen, böswilligen oder unbeabsichtigten Unterbrechung des Zugangs zur offenen See, zu wichtigen Regionen oder Märkten sofort entgegenzutreten“.

Ohne den „Kapitalismus“ jemals direkt zu erwähnen, lässt die Studie keinen Zweifel daran, wie das Pentagon das neue Zeitalter des „endlosen Konflikts 2.0“ sieht:

„Einige bekämpfen die Globalisierung, und die Globalisierungsbefürworter setzen sich aktiv zur Wehr. Diesen Kämpfen fallen die Sicherheit und bisher stabile Regierungen zum Opfer, auf die Staaten angewiesen sind, wenn sie überleben wollen.“

Es wird also ein Krieg zur Durchsetzung der kapitalistischen Globalisierung geführt – zwischen den USA, die sie wollen, und allen anderen, die sie ablehnen.

Damit dieser Krieg gewonnen werden kann, empfiehlt die Studie eine Kombination von Strategien: Die US-Geheimdienste sollen verstärkt und effektiver eingesetzt werden, die Überwachung soll ausgeweitet und die Propaganda wirksamer gemacht werden, damit die öffentliche Meinung noch stärker manipuliert werden kann. Das globale Netz von US-Militärbasen soll ausgebaut werden, um den Zugang zu „strategisch wichtigen Regionen, Märkten und Ressourcen zu sichern“.

Das übergeordnete Ziel lautet – etwas bescheidener formuliert: Der weitere Zerfall der von den USA dominierten Weltordnung muss aufgehalten werden:

„Weil der die USA begünstigende Status quo unter großen inneren und äußeren Druck geraten ist, muss er mit Hilfe der gestärkten Macht der USA wenigstens in den wichtigsten Regionen gestützt und wieder stabilisiert werden.“

Die Autoren der Studie hoffen, dass es die USA schaffen werden, „in einer umgebauten Weltordnung ihre internationale Vorrangstellung wieder erringen zu können“.

Narzissmus

Wie in allen bisherigen Veröffentlichungen des U.S. Army War College wird auch in der neuen Studie betont, dass sie weder die offizielle Position der U.S. Army noch die des Pentagon wiedergibt. Diese Einschränkung bedeutet aber nur, dass ihre Ergebnisse noch nicht offiziell von der US-Regierung anerkannt sind. Gleichzeitig wird aber darauf hingewiesen, dass in der Studie die Kenntnisse und Erfahrungen zahlreicher Behörden der US-Regierung zusammengeflossen sind.

Deshalb ist die Studie ein äußerst aufschlussreiches Dokument über den (Un-)Geist, der im Pentagon herrscht. Sie gibt auch Aufschluss darüber, wie peinlich gering die dort verfügbaren intellektuellen Kapazitäten sind.

Sie belegt nicht nur, dass die Überlegungen des Pentagon alles noch schlimmer machen würden, sie schreit geradezu nach Vorschlägen für alternative Lösungen.

Die Arbeit an der Studie hat im Juni 2016 begonnen und wurde im April 2017 abgeschlossen. Daran waren Vertreter verschiedener Abteilungen des Pentagon beteiligt. Sie kamen vom US-Generalstab, aus dem Büro des Verteidigungsministers, vom US-CENTCOM, vom US-PACOM, vom US-NORTHCOM, vom US-SOCOM (und sicher auch aus dem US-EUCOM), von den US-Streitkräften in Japan / USFJ, vom Geheimdienst des Pentagon / DIA, vom Rat aller US-Geheimdienste, vom US-STRATCOM und von der U.S. Army und der U.S. Navy im Pazifik.

Zu dem Team, das die Studie erstellt hat, gehörten auch Vertreter einiger neokonservativer US-Thinktanks, u. a. vom American Enterprise Institute, vom Center for Strategic and International Studies / CSIS, von der RAND Corporation und vom Institute for the Study of War.

Deshalb kann es auch nicht verwundern, dass die zusammengetragenen „Erkenntnisse“ so dürftig sind.

Warum sollte man auch Besseres von einem Forschungsprozess erwarten, der so narzisstisch wie ein Selbstgespräch ist? Klingen die angebotenen Lösungen nicht wie ein Echo der bisherigen Politik, die zum Verfall der Macht der USA geführt hat?

Man hat es geschafft, die wichtigsten Gründe für den Verlust der US-Vorrangstellung systematisch zu ignorieren: die biophysikalischen Prozesse des Klimawandels und die Energie- und Nahrungsmittelknappheit, die den Arabischen Frühling mitverursacht haben, das Zusammenspiel zwischen militärischer Gewalt, dem Interesse an fossilen Brennstoffen und geopolitischen Allianzen beim Aufstieg des ISIS sowie die Gründe für den Vertrauensverlust der Regierungen in der Finanzkrise 2008 und im von der neokonservativen Wirtschaftspolitik verursachten, immer noch andauernden wirtschaftlichen Niedergang.

Ein (der Studie beigefügter) großer Datenblock belegt, dass der andauernde US-Machtverlust nicht von außen angestoßen wurde, sondern im Umgang der USA mit ihrer eigenen Macht begründet liegt. Der Zusammenbruch der von den USA dominierten Weltordnung ist aus dieser Perspektive eine direkte Folge schwerwiegender Mängel in der Struktur dieser Ordnung und der fragwürdigen Wertvorstellungen und Visionen, mit denen sie begründet wurde.

In diesem Kontext gelten die in der Studie gezogenen Schlussfolgerungen auch weniger für den tatsächlichen Zustand der Welt als vielmehr für die Vorstellung, die das Pentagon von der Welt hat.

Bezeichnend ist auch, dass sich die Studie völlig über die Rolle ausschweigt, die das Pentagon in den letzten Jahrzehnten bei der Erzeugung der Instabilität gespielt hat, die es jetzt wieder beseitigen möchte.

Das Pentagon tut so, als habe es nichts mit dem von Hobbes (dem englischen Philosophen und Staatstheoretiker entlehnten Herrschaftsanspruch zu tun, den es auf unsere heutige Welt projizieren will. Es versucht jede Verantwortung für die negativen Folgen, die sein Handeln für die Welt hat, von sich abzuwälzen.

In diesem Sinn ist die Studie auch ein wichtiger Beleg für den Misserfolg, der sich meistens einstellt, wenn man versucht, eigene Fehlleistungen objektiv einzuschätzen. Nötig wäre stattdessen eine unabhängige wissenschaftliche Auswertung der Aktivitäten und Operationen des Pentagon und eine sorgfältige Analyse ihrer Folgen.

Mit dieser Methode würden ganz sicher andere Erkenntnisse als mit der Studie gewonnen; das Pentagon wäre dann auch gezwungen, in den Spiegel zu schauen. Das könnte den Pentagon-Planern die Chance eröffnen, neue Strategien zu entwickeln, statt erneut auf die erfolglosen alten zu setzen.

Es wäre keine Überraschung, wenn das Pentagon dann sogar seine These vom Machtverlust der USA revidieren müsste.

Nach Meinung des Analysten Dr. Sean Starrs vom Zentrum für Internationale Studien des Massachusetts Institute of Technology / MIT kann die Stärke der USA nicht nur nach nationalen Kriterien beurteilt, es müssen dazu auch internationale Vergleiche gezogen werden.

Starrs zeigt auf, dass die international agierenden Konzerne der USA immer noch mächtiger als die ihrer stärksten Konkurrenten sind. Seine Untersuchungen belegen, dass die Wirtschaftskraft der USA so groß wie nie zuvor ist und sogar die des Wirtschaftsriesen China übertrifft.

Das muss nicht der Behauptung des Pentagon widersprechen, dass die imperiale Macht der USA in einem Niedergang begriffen ist, der sich noch beschleunigen könnte.

Es bedeutet aber, dass die Vorstellung des Pentagon von der globalen US-Vorrangstellung mit der Fähigkeit zur globalen Verbreitung des US-Kapitalismus gleichgesetzt wird.

Da sich geopolitische Rivalen gegen die aggressive US-Wirtschaftspolitik zur Wehr setzen und neue Bewegungen den „ungehinderten Zugriff“ der USA auf globale Ressourcen und Märkte zu verhindern versuchen, sieht das Pentagon alles, was die Ausbreitung des US-Kapitalismus behindert, als Bedrohung an.

Trotzdem wird nichts, was in der Studie vorgebracht wird, den Niedergang der Macht der USA tatsächlich verlangsamen können.

Denn in der Studie des Pentagon wird nur eine verstärkte Fortsetzung der bisherigen imperialen US-Politik empfohlen, die nach Meinung des Zukunftsforschers Professor Johan Galtung, der schon den Zerfall der Sowjetunion vorhergesagt hatte, zum „Kollaps des US-Imperiums“ kurz vor oder nach dem Jahr 2020 führen wird.

Je mehr wir uns dem Ende der US-Vorherrschaft nähern, desto dringlicher wird für uns alle, für zivile Gesellschaften, Regierungen und für die Industrie, die Beantwortung der Frage: Was kommt dann, wenn das mit dem Tod ringende US-Imperium untergegangen ist?

Quelle

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